Stefan Kiess - Fotografische Arbeiten

Fotografie

Zwischen Wahrnehmung, Fotografie und Material

Stefan Kiess (1955–2025)

Mit Stefan Kiess haben wir einen Freund, geschätzten Kollegen und Künstler verloren, dessen Bilder bereits 2009 im BOK, 2015 im Artycon und 2019 im Kunstverein Offenbach zu sehen waren. Stefan Kiess ist viel herumgekommen. Stationen seines Lebens und Arbeitens waren Frankfurt, Hamburg, Berlin und zuletzt Köln.

In Düsseldorf geboren und in Stuttgart aufgewachsen – den schwäbischen Zungenschlag wurde er nie ganz los – studierte er zunächst Fotodesign in Schwäbisch Gmünd bei Frank Deinhard, einem Schüler von Otto Steiner, und später Fotojournalismus in Dortmund. Vielleicht auch als Reaktion darauf hat er seitdem fast immer Menschen aus seinen Bildern verbannt. Geblieben ist die Subjektive Fotografie, die nicht die objektive Wirklichkeit einer Situation wiedergibt, sondern die Deutung dem Betrachter überlässt und dessen Fantasie fordert. Stefan Kiess’ frühe architektur- und objektbezogenen Serien führen vor Augen, dass Fotografie nicht nur ein Abbild der Welt ist, sondern eine Form der Wahrnehmung, die Realität ebenso formt wie reflektiert. Seine Fotografien wirken durch abstrakte Formen, grafische Strukturen sowie Linien von Licht und Schatten.

Konsequenterweise sind seine späteren Arbeiten durch radikale Ausschnitte, Negativabzüge, dekonstruktivistische Gestaltung, Zerstörung und neue Zusammensetzungen von Bildmaterial geprägt – „Fotografische Arbeiten“, wie er sie selbst nannte.

In den letzten Jahren schuf er – zunehmend mit der „Fotografie“ fremdelnd – Materialbilder. Hier wird deutlich, wie Kiess die fotografische Oberfläche zum Ort einer eigenen Poetik machte, in der der Blick nicht nur festhält, sondern gestaltet. Die Arbeiten entwickeln sich aus einer architektonischen Formensprache und folgen dem bildnerischen Kanon der Abstraktion. Es sind keine Abbilder mehr, sondern autonome Gebilde.

Während seiner Frankfurter Zeit, Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre, hatte er sein Studio in der Bernardstraße in Offenbach. Im dritten Stock eines Fabrikgebäudes machte der Autor dort als Assistent bei Stefan Kiess seine ersten Gehversuche mit der Großbildkamera – 4×5 und 8×10 Inch. Eine eigene Welt der Fotografie tat sich damals auf.

Regelmäßig sahen wir uns oder telefonierten über all die Jahre hinweg. Wir sprachen über Gott und die Welt, lästerten über vermeintliche Koryphäen der Gesellschaft und diskutierten über Bildsprache, Fotochemie, digitale Techniken und Computer, mit denen er meist über Kreuz lag. Er fehlt.

Mit einer Ausstellung von Fotografien verschiedener Jahre, einigen kleinformatigen „Fotografischen Arbeiten“ und Materialbildern in der Galerie Artycon möchten wir an ihn erinnern und sein Werk würdigen.

Th. Lemnitzer 2026

Galerie Artycon Vernissage 25. April 2026 11-15 Uhr Finissage 30. Mai 2026 11-15 Uhr

Frühere Ausstellung